#stille

leise und ganz sanft schwebt ein blatt auf den boden zu. ich halte inne. inhaliere. 

ich sitze auf meinem sessel und in gedanken spiele ich den ablauf des nächsten tages durch. es ist donnerstag nachmittag, ich bin voller vorfreude. mein Telefon klingelt. es ist lautlos. dennoch schreit es mich an. ich gehe ran. dann kommen viele worte an mein ohr, die ich nicht erfassen kann. ich muss nachfragen. und nochmal fragen, mich versichern, dass ich es verstanden habe. vielleicht 5 oder 6 tage, aber keinesfalls 14 tage, so sagt man mir. ich soll entscheidungen treffen. sofort. mein hals schnürt sich zu.

ich wusste dieser tag würde kommen. ich dachte, ich sei vorbereitet, dich zu begleiten. das war dein herzenswunsch. dein grösstes anliegen.

ich rufe meine schwester an. ich flehe, sie soll kommen. ich habe angst.

wir fahren zu dir. du liegst im bett, bist schwach. und deine augen lächeln mich an und du hauchst meinen namen. ich kann deine dankbarkeit spüren, ich bin demütig vor deiner tapferkeit, deinem sein.

es folgen viele schwere stunden an deiner seite. manchmal muss ich gehen. ich bin erschöpft und kann nicht mehr. manchmal wünsche ich mir, dass es endlich vorbei sein soll. dann flehe ich, ich will dich nicht loslassen. ich halte deine hand, wenn ich darf. streichle dich. versuche dir nähe zu geben. möchte dir das gefühl mit auf den weg geben, dass du geliebt bist.

es ist sonntag. wir haben für dich gekocht. in der hoffnung, dass du endlich etwas isst. ich packe das warme essen in ein glas. das glas wickle ich in meine strickjacke. ich erinnere mich, wie du früher das essen mit dem federbett warmgehalten hast. ich erinnere mich an den geruch deiner wohnung. ich erinnere mich an deinen geruch und wie es war, wenn ich auf deinem schoss sass. ich erinnere mich, wie schön es war, wenn ich bei dir sein durfte. ich möchte mich verkriechen in diese erinnerung. ich möchte mich verkriechen in dich.

du bist müde, sehr müde. ich sitze an deinem bett. halte deine hand. du bekommst besuch. aus deiner heimat. menschen, die dir wichtig sind. menschen, die dich begleitet haben. sie sind erleichtert, dass ich für dich da war. voller anerkennung sprechen sie mit dir in meinem beisein über mich. sie loben die werte, die wir miteinander leben. du schaust mich stolz an.

die tür öffnet sich. meine söhne, deine urenkel und deine allerliebste franzi kommen. du strahlst. ein letztes strahlen. und du schließt die augen. bist beruhigt. öffnest die augen und zwinkerst uns zu. die tür öffnet sich erneut und unsere familie ist komplett. um dich herum die menschen, mit denen du viel zeit in den letzten, fast drei jahren, verbracht hast. du bist glücklich. ein letztes mal glücklich. wir sitzen gemeinsam an deinem bett. und ein band der verbindung hält uns zusammen. wir weinen. du schläfst immer wieder ein und wenn du deine augen öffnest, zählst du ab, ob alle deine da sind.

irgendwann bleiben nur noch du und ich. du hast angst, sagst du. ich halte deine hand und sage dir, dass ich dich lieb habe. ich sage dir, dass ich froh bin, dein augapfel zu sein. du fragst, ob du ein guter mensch warst. ich nicke. und schlucke. die erinnerung, sagst du, sie sei weg, nicht mehr da. du fragst nach opa. wann du geheiratet hast, willst es auf den tag genau wissen. wir schauen bilder an. bilder von deinem garten, in dem wir so schöne stunden verbracht haben. du erinnerst dich mit jedem bild. ich erinnere mich mit jedem bild. du sagst, du hast angst. ich habe angst zu fragen, wovor. in meinem kopf will ich doch, dass du friedlich gehst. ich will nicht, dass du dich fürchtest.

du schläfst ein. aber du kannst einfach nicht tief schlafen. immer schaust du, ob ich bei dir bin. es ist dunkel draussen. du fragst nach der uhrzeit. du hast angst zu sterben, sagst du. ich weiss nicht, was ich sagen soll. ich finde einfach keine worte, die dich oder mich trösten können. deine hand ist auf meinem knie, du hälst mich fest. deine hand entspannt. dein atem ist gleichmäßig. tief und fest. doch ich kann spüren, dass es nicht mehr reicht. du bist müde, mein schatz, sagst du zu mir. du hast recht. ich bin müde. du sagst, du willst schlafen. du sagst, du bist so müde. ich rede dir zu, dass du versuchen sollst zu schlafen. lass‘ los, sage ich. ich verabschiede mich irgendwann von dir. du sagst, ich hab dich so lieb, du ahnst nicht wie. ich sage, ich habe die beste oma der welt. und, dass ich dich sehr lieb habe. du winkst mir und siehst mir nach. es war das letzte mal.

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für meine #oma #lieblingsoma #myhero

du bist alles, was ich bin.

ich bin alles, was du warst.

weil du bist, wer ich sein werde.

flieg! omi! flieg!

 

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3 Gedanken zu “#stille

  1. Andrea sagt:

    Liebe Sabine.
    Wie liebevoll wie du von deiner Oma schreibst. Ihr hattet sicher ein ganz besonderes Verhältnis zueinander.
    So traurig du jetzt auch bist, es werden bald bestimmt nur noch die schönen Erinnerungen da sein an einen sicher wundervollen Menschen, bei dem du das Glück hattest ihn bis zum Schluss zu begleiten. Das war sicher auch für deine Oma, bei aller Angst vor dem Sterben, beruhigend und schön.
    Fühlt dich umarmt, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen.

    Ganz herzliche Grüße.
    Andrea

  2. diealltagsfeierin sagt:

    Liebe Sabine,

    ihr hattet eine wunderbare Zeit des Abschiednehmens. Deine Oma ist jetzt dort, wo du auch irgendwann mal hingehen wirst. Vielleicht bereitet sie zusammen mit meiner Oma schon die große Sause vor, wenn wir uns dann wiedersehen werden.

    Du hast jetzt einen Schutzengel, der immer auf dich achtet und auch wenn die Trauer sooooo groß zu sein scheint: das kann dir keiner nehmen.

    Umärmelung und liebe Grüße

    Bettina

  3. uefuffzich sagt:

    wie schön, wie traurig – tränen laufen in dicken bächen über mein gesicht. bei jedem deiner worte, sehe ich das gesicht meiner großmutter. sie war für mich der liebste mensch auf der welt und sie fehlt, auch wenn ich schon fast 30 Jahre ohne sie leben muss.

    ich drück‘ dich!
    bärbel

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